"Ob mit oder ohne Krise, dem Bildungssystem fehlt nach wie vor eine nachhaltige, langfristige Strategie"

Schmuckbild: Schüler*innen mit Maske
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21.03.2025 Interview
Fünf Jahre nach dem ersten Lockdown stellt sich die Frage: Welche wichtigen Entwicklungen hat die Corona-Krise in der Bildung angestoßen, und wie steht es um die vielen Probleme, die in der Pandemie offenkundig geworden sind? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Kai Maaz, dem Geschäftsführenden Direktor des DIPF, über Digitalisierung, Lernrückstände und psychische Herausforderungen.

In der Pädagogik ist es ein eherner Grundsatz, dass Entwicklungsschritte bei Kindern oft durch Krisen ausgelöst werden. Fünf Jahre nach dem ersten Lockdown stellt sich die Frage: Hat uns die Corona-Krise als Gesellschaft in der Bildung vorangebracht?

Die Pandemie war ein Stresstest für unser Bildungssystem. In manchen Bereichen hat sie Innovationen angestoßen, insbesondere in der Digitalisierung. Hier wurden kurzfristig Fortschritte erzielt, allerdings oft unkoordiniert und ohne langfristige Strategie. Der Wille aller Beteiligten, auch im Lehren und Lernen schnell und angemessen auf die neue Situation zu reagieren, hat gezeigt, dass unser Bildungssystem durchaus anpassungsfähig ist, aber auch, welche strukturellen Defizite bestehen.
Bestehende Ungleichheiten im Bildungssystem wurden noch sichtbarer. Leistungsrückstände haben vor allem Kinder aus bildungsbenachteiligten Haushalten getroffen. Viele kurzfristige Fördermaßnahmen waren gut gemeint, aber oft nicht nachhaltig angelegt. Bei aller Notwendigkeit schnell reagieren zu müssen, war schon bekannt, dass temporäre Insellösungen keine nachhaltigen Effekte haben. Hier hätte man längerfristige Lösungen schaffen oder zumindest anlegen müssen, um Defizite dauerhaft auszugleichen.
Auch im psychosozialen Bereich hat die Pandemie große Auswirkungen hinterlassen. Lehrkräfte berichten bis heute von vermehrten Auffälligkeiten bei Schüler*innen. Das zeigt, dass Schule mehr ist als ein Lernort – sie ist auch ein sozialer Raum, der gezielt gestärkt werden muss. Spätestens die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass es für Kinder und Jugendliche und an vielen Orten auch für ihre Familien niederschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote braucht, die man hätte dauerhaft ins System implementieren müssen.
Die Krise hat also Entwicklungen angestoßen, aber auch Defizite schonungslos offengelegt. Entscheidend ist nun, dass wir die nötigen Diskussionen weiterführen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Wir brauchen langfristige Strategien, statt nur kurzfristig zu reagieren.

Die Digitalisierung in der Bildung war eines der großen Kernthemen. Die meisten Schulen waren auf den Fernunterricht nicht vorbereitet und mussten schnelle und unkonventionelle Lösungen ergreifen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation bei der Digitalisierung ein?

Die Pandemie hat kurzfristig einen Digitalisierungsschub gebracht, aber eine übergreifende Strategie fehlt weiterhin, das ändert auch ein neuer Digitalpakt nicht. Schulen waren im Wesentlichen auf sich gestellt, und auch heute bleibt die Umsetzung von digitalen Konzepten oft dem Engagement einzelner Schulen und Lehrkräfte überlassen. Die Diskussionen um den Digitalpakt II zeigen, dass politische Auseinandersetzungen oft wichtiger waren als schnelle Lösungen.
Die Tatsache, dass die Digitalisierung im schulischen Kontext von zusätzlichen Ressourcen des Bundes abhängig gemacht wird, zeigt zudem, dass wir das Thema entweder nicht ernst genug nehmen oder einer völlig falschen Steuerungslogik folgen. Die Digitalisierung ist in meinen Augen eine genuine Aufgabe der Länder und der Schulträger, so wie viele andere Aufgaben, für die selbstverständlich keine Bundesressourcen gefordert werden. Dazu kommt noch ein strukturelles Problem: Die Finanzierung und Wartung digitaler Infrastruktur liegt mitunter in unterschiedlichen Verantwortungsbereichen. Dies führt dazu, dass angeschaffte Geräte teilweise ungenutzt bleiben. Wir brauchen dringend eine effizientere Koordination zwischen Bund, Ländern und Kommunen, in der die Aufgaben und Verantwortungen der äußeren und inneren Schulangelegenheiten kritisch hinterfragt und an die gegenwärtigen Herausforderungen angepasst werden.
Es fehlt zudem ein übergreifendes Konzept, das analoge und digitale Lernwelten sinnvoll verknüpft. Dafür brauchen wir einen Diskurs, wie wir die Schule der Zukunft denken, welche Rolle Digitalisierung und künstliche Intelligenz spielen können. Dieser findet zwar statt, aber vereinzelt und verstreut. An Initiativen den Diskurs gemeinsam zu gehen, fehlt es nicht. Zum Beispiel thematisiert der Navigator Bildung Digitalisierung die Konzeptionalisierung und Orientierung zum Stand der digitalen Transformation im schulischen Bildungsbereich und gibt Hinweise wie die digitale Transformation unsers Bildungssystem aussehen kann.

Eine dramatische Folge der Corona-Pandemie waren Leistungseinbrüche, vor allem bei Kindern aus bildungsarmen Familien. Immerhin gab es zahlreiche Unterstützungsprogramme, Mathecamps in den Sommerferien usw. Konnten die Lernlücken mittlerweile wieder geschlossen werden? Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den Aufholprogrammen von damals für die Zukunft?

Um diese Frage seriös zu beantworten, braucht es mehr verlässliche Studien, die die Wirkungen der Maßnahmen der Aufholprogramme evaluieren. Während deutsche Studien auf Systemebene keine großen Defizite zeigen, finden internationale Untersuchungen deutliche Leistungseinbußen. Besonders betroffen sind Kinder, die zu Beginn der Pandemie in den ersten Schuljahren waren, in denen die Grundlagen für nachhaltiges Lernen gelegt werden. Über diese Gruppe haben wir so gut wie keine Daten. Viele Lehrkräfte berichten aber, dass sich auch heute noch in dieser Gruppe besondere Herausforderungen finden, ein Problem, dass noch lange nachwirken kann. Darüber hinaus waren Kinder aus sozial benachteiligten Familien und leistungsschwache Schüler*innen besonders stark von Leistungseinschränkungen betroffen. Dieser Befund mag nicht überraschen, stellt aber für das System eine besondere Herausforderung dar, weil es schon unter normalen Bedingungen schwierig ist, diese Gruppe angemessen zu adressieren.
Viele Programme waren temporär und isoliert, oft fehlte die Anbindung an den regulären Unterricht. Das zeigt sich besonders bei Sommerschulen: Sie können kurzfristig substanzielle Lernfortschritte bewirken, doch ohne eine nachhaltige Integration in den sich anschließenden schulischen Alltag verpufft der Effekt schnell. Einige Bundesländer versuchen nun, frühe und schulische Bildung systemisch zu verzahnen, etwa durch eine engere Zusammenarbeit zwischen Kitas und Grundschulen im Rahmen des Startchancen-Programms wie in Schleswig-Holstein oder in Rheinland-Pfalz. Solche Ansätze haben Modellcharakter und sollten ausgebaut werden.

Viele Kinder und Jugendliche litten während und nach der Coronazeit unter psychischen Problemen, nicht zuletzt aufgrund der Isolation. Müssen wir Schule neu definieren, noch über den Lernort hinaus? Gibt es ein neues Bewusstsein für das Schulleben?

Ja, wir müssen Schule weiterdenken, einige würde auch sagen neu denken, aber ohne das Bewährte zu verwerfen. Die Anforderungen an Schule sind stetig gewachsen. Das muss sich auch in der Gestaltung von Schule und des Unterrichts widerspiegeln.

Wie kann die Neugestaltung von Schule konkret aussehen?

Zwei Beispiele liegen auf der Hand. Erstens sollten wir überlegen, ob die Lehrpläne zu voll sind, um den wachsenden Aufgaben von Schule gerecht zu werden. Ohne die Kompetenzorientierung in Frage zu stellen, müssten wir darüber nachdenken, ob und vielmehr wie wir die Lehrpläne kritisch hinterfragen mit dem Ziel, sie auszudünnen. Nur so schaffen wir Raum für Neues. Zweitens sollten wir in diesem Zusammenhang auch die Aufgaben, denen die Lehrkräfte gerecht werden sollen, neu denken. Ich halte ein Deputatsmodell, dass beispielsweise 25 Unterrichtsstunden pro Woche vorsieht, nicht mehr für zeitgemäß. Wir brauchen ein Arbeitszeitmodell, das die vielfältigen Aufgaben der Lehrpersonen berücksichtigt. Was spricht gegen ein Wochenarbeitsmodell mit geregeltem Urlaub? So wären die vielfältigen Aufgaben einer Lehrperson in ein Arbeitszeitmodell integriert, das Platz für Unterricht, für Vor- und Nachbereitung, Elternarbeit, Vernetzungsarbeit, Förderung und vieles mehr bietet. Nicht hinlängliche Ressourcen für ein solches Modell sind kein Hinderungsgrund, diese müssten zur Verfügung gestellt werden.

Schule neu denken bedeutet aber auch, mehr als den Unterricht und die Lehrpläne im Blick zu haben, oder?

Auch im psychosozialen Bereich muss ein Umdenken stattfinden. Denn hier zeigen sich die Folgen der Pandemie besonders deutlich. Viele Pädagog*innen berichten heute noch von auffälligem Verhalten bei Schüler*innen. Ich habe es schon erwähnt: Wir hätten schon längst niederschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote in allen Schulen etablieren müssen. Dieser Aspekt ist deshalb so wichtig, weil stabile soziale Beziehungen die Voraussetzung für nachhaltiges Lernen sind. Ohne sie wird die innovativste Unterrichtsgestaltung ins Leere laufen. Wer den Unterricht verbessern will, darf nicht nur auf den Unterricht schauen. Gleichzeitig verbessert derjenige, der auf alle anderen Prozesse neben den Unterricht schaut, den Unterricht selbst auch nicht. So simpel diese Schlussfolgerung klingt, so komplex ist sie doch in der Umsetzung.

Sind Politik und Gesellschaft auf die nächste Krise vorbereitet?

Kurz gesagt: Nein. Bildungspolitik agiert oft reaktiv statt proaktiv, das ist auch eine Schlussfolgerung des letzten Bildungsberichts. Während in anderen Politikfeldern Entscheidungen sofort wirken, z.B. beim Anheben der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt, zeigt sich der Erfolg von Bildungsreformen erst nach Jahren. Dennoch müssen wir vorausschauender handeln. Das setzt auch einen gesellschaftlichen Diskurs über den Stellenwert von Bildung voraus, in dem deutlich wird, wie und wann Bildung im System überhaupt wirken kann. Es ist eine Art Erwartungsmanagement, das wichtig ist, um die Entwicklung im Bildungssystem auch adäquat beurteilen zu können, um nicht naiv enttäuscht zu werden. Positiv ist, dass Institutionen wie die Leibniz-Gemeinschaft sich interdisziplinär mit Krisenprävention befassen. Das Leibniz-Lab „Pandemic Preparedness“ vereint die Expertise von 41 Leibniz-Instituten, um die Gesellschaft auf künftige Pandemien vorzubereiten. Es integriert dabei neben der medizinisch naturwissenschaftlichen Perspektive auch die der Sozialwissenschaft und Bildungswissenschaft, eine Symbiose, die vor fünf Jahren noch nicht denkbar gewesen wäre. Ob mit oder ohne Krise, dem Bildungssystem fehlt nach wie vor eine nachhaltige, langfristige Strategie.

 

Porträtfoto Kai MaazProf Dr. Kai Maaz ist Geschäftsführender Direktor des DIPF und leitet die Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“. An der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main hat er die Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt „Bildungssysteme und Gesellschaft“ inne. Er ist Sprecher der Autorengruppe des Nationalen Bildungsberichts und seit 2020 Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz.